Der Tag
Zwei Schotter-Klassiker an einem Tag
Heute fahren wir die vielleicht schönste legale Kammfahrt der Westalpen. Wir legen die Runde im Uhrzeigersinn an: von Bardonecchia über Oulx und Cesana hinauf nach Sestriere, dort auf die Strada dell'Assietta (SP 173) und ostwärts über den Grat, dann hinunter über den Colle delle Finestre nach Susa und über die SS24 mit Zwischenstopp am Forte di Exilles zurück. Der Dienstag ist bewusst gewählt: An allen Mittwochen und Samstagen im Juli und August ist die Assietta von 9 bis 17 Uhr komplett für Motorfahrzeuge gesperrt – heute ist sie frei, und eine Maut gibt es hier nicht. Rund 129 km, davon etwa 42 km Schotter fast durchgehend über 2.000 m: ein voller Tag, kein Schnelldurchlauf.
Ab dem Colle Basset (2.424 m) oberhalb Sestrieres beginnt der eigentliche Kamm – ~36 km breiter Naturweg zwischen Susa- und Chisone-Tal, angelegt ab 1890 vom Militär-Geniekorps und erst 2021 offiziell vom Militär an die Città Metropolitana di Torino übergegangen. Wir reihen die Pässe auf: Bourget, Costa Piana, unter dem Monte Genevris hindurch, Blegier, Lauson – bis zum namensgebenden Colle dell'Assietta (2.472 m). Direkt daneben liegt das Rifugio Casa Assietta „Jack Canali“ (~2.527 m), die einzige Einkehr auf dem Kamm, eine sanierte Casa Cantoniera von 1890 – dort machen wir Mittag. Ein Stück weiter markiert der Obelisk mit dem Bronzeadler (CAI, 1882) an der Testa dell'Assietta (2.566 m) das Schlachtfeld vom 19. Juli 1747: Hier schlugen rund 7.400 Piemontesen und Österreicher etwa 25.000 Franzosen zurück – über 5.000 Tote, überwiegend auf französischer Seite. Der höchste Punkt, den unsere Räder heute berühren, liegt am Hang darunter bei ca. 2.540 m (Quellen 2.530–2.550 m).
Am Ostportal Pian dell'Alpe (1.940 m) verlässt uns die Kammstraße, und wir wechseln auf die SP 172 zum Colle delle Finestre (2.176 m) – Giro-d'Italia-Legende (2005, 2011, 2015, 2018, 2025). Die Nordrampe nach Susa ist der eigentliche Leckerbissen: 18,6 km, 1.692 Höhenmeter, im Schnitt 9,1 %, 33 Kehren, und die obersten rund 8 km sind Schotter. Bergab bei Gefälle und engen Kehren heißt das: Bremsdisziplin, besonders mit Gepäck. Die SP 172 unterliegt nicht dem Mittwoch/Samstag-Fahrverbot der Assietta und ist mautfrei.
Unten in Susa, der Römerstadt am Fuß der Rampe (Augustusbogen von 9/8 v. Chr., Porta Savoia), gibt es Espresso und die Tankstellen, die wir für den Kamm nicht hatten. Auf dem Rückweg über die SS24 liegt das Forte di Exilles genau an der Route – die mächtige Talsperr-Festung (1339–1829), Schauplatz der Legende der „Eisernen Maske“ (Gefangener 1681–1687), heute Ableger des Bergmuseums. Im August ist sie täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr offen, Eintritt 5 € – der passende Abschluss, bevor wir über Oulx zurück nach Bardonecchia rollen. Wetter im Blick behalten: Auf 2.500 m ziehen ab dem frühen Nachmittag gern Gewitter auf, und nasser Assietta-Schotter mit Lehmpassagen wird schnell heikel.
Fahrplan
Stationen
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08:30
Abfahrt Bardonecchia (1.312 m)
SS335/SS24/SR23 über Oulx und Cesana. In Oulx oder Susa volltanken – auf dem Kamm gibt es 36 km lang keine Tankstelle. -
09:30
Sestriere (2.035 m) → Colle Basset (2.424 m)
Ggf. tanken, dann Auffahrt zum Westportal der Kammstraße oberhalb des Orts. -
10:00–12:30
Assietta-Kammstraße ostwärts (SP 173)
Bourget – Costa Piana – unter dem Monte Genevris – Blegier – Lauson. Morgensonne im Rücken, Fotostopps. Tempolimit 30 km/h. -
12:30–13:30
Mittag Rifugio Casa Assietta (~2.527 m)
Einzige Einkehr am Kamm. Nebenan Colle dell'Assietta (2.472 m) und Obelisk der Testa dell'Assietta (2.566 m), Schlachtfeld 1747. -
14:00
Pian dell'Alpe (1.940 m)
Ostportal der Kammstraße, Wechsel auf die SP 172. Einkehr Agriturismo Fattoria Pian dell'Alpe. -
14:30
Colle delle Finestre (2.176 m)
Giro-Panorama am Pass. Keine Mi/Sa-Sperre, keine Maut. -
15:15
Schotterabfahrt 33 Kehren → Meana → Susa (503 m)
Oberste ~8 km Schotter, bergab konzentriert fahren. Unten Espresso und Augustusbogen in der Römerstadt. -
16:15–17:30
Forte di Exilles (870 m)
Talsperr-Festung an der SS24, Besichtigung 5 € (Aug. tägl. außer Mo, 10–18 Uhr). Legende der „Eisernen Maske“. -
18:00
Zurück in Bardonecchia (~135 km)
Über Oulx zurück ins Basislager. Bei Gewitterneigung Exilles streichen und direkt heim.
Bilder
Galerie
Gut zu wissen
- Sperrtage: Die Assietta (SP 173) ist an allen Mittwochen und Samstagen im Juli und August von 9–17 Uhr für Motorfahrzeuge komplett gesperrt. Fahrtag daher Di/Do/Fr/So – unser Dienstag ist frei. (Ausnahme 2026: Sa 18. Juli, Festa del Piemonte – da nicht gesperrt, aber überfüllt.)
- Keine Maut: Auf der Assietta gibt es kein Ticket/Pedaggio (das 2017/2021 diskutierte System wurde nie eingeführt, Stand 2026). Auch der Colle delle Finestre (SP 172) ist mautfrei und unterliegt nicht der Mi/Sa-Sperre.
- Saison: Assietta offen 1. Juli–31. Oktober 2026, Colle delle Finestre voraussichtlich ab 16. Juni. Achtung Schneelage – 2024 war die Assietta erst am 12. Juli komplett offen. Vorab prüfen: stradaassietta.it bzw. cittametropolitana.torino.it.
- Dauerregeln am Kamm: Tempolimit 30 km/h (abschnittsweise 15), Überholverbot, Parken nur auf ausgewiesenen Flächen; verboten für Fahrzeuge über 3,5 t bzw. über 2 m Breite.
- Nur die Hauptstraße: Sämtliche Stich- und Nebenstrecken der Assietta (Richtung Sauze d'Oulx, Strada del Gran Serin, Abfahrt Meana) sind für Kfz dauerhaft gesperrt – Kein Wildparken/Camping im Parkgebiet.
- Tanken & Einkehr: Voll tanken in Oulx oder Susa – am 36-km-Kamm gibt es keine Tankstelle, nur das Rifugio Casa Assietta „Jack Canali“ (~2.527 m, Sommersaison durchgehend offen, Tel. +39 0122 456329 / +39 375 6291465). Weitere Einkehr am Pian dell'Alpe.
- Forte di Exilles: Saison 2026 vom 20.06.–27.09.; Juli/August täglich außer Montag, 10–18 Uhr, Eintritt 5 € (Führungen der Amici del Forte 8 €).
Stand Juli 2026 (Ordinanza 100/2025) – vor Abfahrt prüfen: bardonecchia.it, +39 0122 99032.
Am Berg: Gefahren
- Nässe: Der Assietta-Schotter ist bei Trockenheit für große Reiseenduros gut fahrbar (Denzel ca. SG 3–4), bei Regen mit Lehmpassagen jedoch rutschig und deutlich heikler.
- Gewitter: Auf 2.500 m ziehen typisch ab dem frühen Nachmittag Gewitter auf. Bei Aufzug lieber Exilles streichen und direkt zurück – auf dem Kamm gibt es keinen Unterstand außer dem Rifugio.
- Finestre-Abfahrt: Die oberen ~8 km der Nordrampe sind Schotter mit 33 Kehren bei rund 9 % Gefälle – bergab bremsdiszipliniert und mit Abstand fahren, besonders mit Gepäck.